Berlin Wie leben ältere Menschen in Deutschland heute und in naher Zukunft? Um Unterversorgung und Armut im Alter vorzubeugen, müssen die Weichen jetzt richtig gestellt werden. Die Lage alter Menschen gibt es nicht. Stattdessen prägen große Unterschiede das Bild: etwa zwischen jungen (circa 55 bis 70) und alten (circa 70 bis 85 Jahre), zwischen gesunden und kranken, zwischen armen und reichen alten Leuten, zwischen tatkräftigen Best-Agern und resignierten Greis(inn)en.

Ein differenzierter Blick empfiehlt sich auch bezüglich der individuellen Kompetenzen alter Menschen, der (biografisch bedingt) subjektiven Interpretation ihrer Situation und der daraus abzuleitenden Handlungsmöglichkeiten. Denn das „kalendarische Alter“ eignet sich genauso wenig wie etwa der Gesundheitsstatus als Indikator für die Einschätzung der körperlichen, sozialen und wirtschaftlichen Lage eines alten Menschen.

Alt ist nicht gleich krank, gleichwohl steigt das Krankheitsrisiko mit dem Alter beständig an. Chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates sowie psychische Probleme gehören zum Alltag. Doch ist zu unterscheiden zwischen dem Vorliegen solcher diagnostizierten (und behandelbaren) chronischen Erkrankungen einerseits und dem subjektiven Grad der Beeinträchtigung des Alltags der Menschen. So gaben im Rahmen des Mikrozensus 2005 lediglich gut 15 Prozent der über 65-Jährigen und knapp 30 Prozent der über 75-Jährigen an, in den letzten vier Wochen unter einer akuten Erkrankung gelitten oder einen Unfall erlitten zu haben. Gut drei Viertel aller 70- bis 85-Jährigen bezeichnen ihre gesundheitliche Lage trotz durchschnittlich bis zu fünf diagnostizierten Erkrankungen als „gut bis mittelprächtig“ – vorausgesetzt, sie können sich die notwendigen Mittel (Medikamente, Hilfsmittel, Krankengymnastik und Massage, Haushaltshilfe) leisten, um den Alltag trotz der krankheitsbedingten Einschränkungen zu bewältigen. Dazu gehört vor allem auch eine (Wohn-)Umgebung, die funktionale Einschränkungen zu kompensieren hilft.
Der Lebensradius nimmt ab
Mit zunehmendem Alter steigt die Bedeutung des Wohnens. Im Alter hält man sich häufiger und länger in der eigenen Wohnung auf. Diese sollte ohne Treppenstufen zu erreichen sein und über breite Türen, ein barrierefreies Bad, eine geeignete Küche und gegebenenfalls Alarmsysteme für den Notfall verfügen. Weiterhin sollten alle wichtigen Ziele in der Umgebung gut zu erreichen sein. Knapp 17 Millionen Menschen über 65 wohnen in Deutschland, davon lediglich 400.000 in ausdrücklich altersgerechten Wohnungen und 750.000 in Einrichtungen der Altenhilfe.

Die übrigen circa 15,7 Millionen Senio­r(inn)en leben in ganz normalen Etagenwohnungen und Einfamilienhäusern, die in der Regel nicht dem modernsten Standard und selten den Erfordernissen bei körperlichen oder psychischen Einschränkungen entsprechen. Damit ihre Bewohner(innen) möglichst lange im vertrauten Viertel bleiben können, müssten diese Wohnungen umgestaltet oder sogar umgebaut werden. Nur eine relativ kleine Gruppe (je nach Wohnungssegment zwischen zehn und 20 Prozent der Rentner) sieht sich allerdings in der Lage, entsprechende Investitionen zu leisten beziehungsweise durch deutlich höhere Mietzahlungen zu refinanzieren.

Im frühen Alter scheint die Erreichbarkeit von Arzt, Apotheker, Einkaufsgelegenheiten, Freunden und Verwandten noch kein Problem, denn immer mehr Rentner(innen) sind mit einem eigenen Kraftfahrzeug unterwegs. Wer das Auto aber nicht mehr finanzieren kann oder wegen gesundheitlicher Einschränkungen besser nicht mehr selbst fährt, ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Jeder fünfte Senior erlebt sich jedoch als von Bus und Bahn abgekoppelt (mit starker regionaler Differenzierung zwischen Stadt und Land). Für diese Menschen bleibt nur der Fahrdienst durch Angehörige oder das Taxi, und Letzteres kann schnell zu einer deutlichen Belastung für das Budget werden.

Wo die Mobilität abnimmt, gewinnt die Infrastruktur in der unmittelbaren Wohnumgebung hohe Bedeutung. Noch beurteilen 80 Prozent der jungen Alten etwa ihre Einkaufsmöglichkeiten als gut, bei den eher bewegungseingeschränkten alten Alten sinkt diese Zufriedenheit auf 70 Prozent ab. Das Verschwinden der ortsnahen Einkaufsmöglichkeiten wird unter Umständen durch wachsende Angebote mit Lieferservice kompensiert, aber auch hier gilt: Dienstleistung verteuert die Lebenshaltung.

 

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Quelle: Caritas Deutschland