Berlin Zu viele Psychopillen für Kinder, zu viele Beruhigungsmittel für demente Senioren und viele Wirkstoffe gleichzeitig für ältere Menschen – zu diesen Feststellungen kommt der Arzneimittelreport 2013 der BARMER GEK, der heute in Berlin vorgestellt wurde. „Gerade die Ergebnisse zur Polypharmazie zeigen, dass wir dringend mehr Vernetzung und Transparenz im Gesundheitswesen brauchen“, resümiert Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK. „Hätten wir die elektronische Gesundheitskarte, das elektronische Rezept und die elektronische Patientenakte, hätten behandelnde Ärzte und auch Apotheker einen viel besseren Überblick über die Arzneimitteltherapie.“ Die riskante Multimedikation ließe sich durch elektronische Vernetzung viel besser steuern. Es müsse endlich Schluss sein mit der Blockadepolitik namhafter Ärztefunktionäre gegen eine moderne Telematikinfrastruktur.

Ein Drittel der über 65-Jährigen nimmt mehr als fünf Arzneimittelwirkstoffen täglich

Basierend auf Daten von 2,1 Millionen Versicherten über 65 Jahre haben die Autoren des Arzneimittelreports um den Bremer Versorgungsforscher Prof. Dr. Gerd Glaeske analysiert, wie häufig Patienten mehrere Arzneimittelwirkstoffe parallel verordnet bekommen. Dabei zeigte sich, dass ein Drittel der Versicherten von Polypharmazie betroffen ist, also täglich mehr als fünf Arzneimittelwirkstoffe einnimmt. Bei den Hochbetagten zwischen 80 und 94 Jahren ist fast jeder Zweite betroffen. Im Durchschnitt nehmen Männer über 65 Jahre täglich 7,3 Wirkstoffe ein, bei Frauen dieser Altersgruppe sind es 7,2. Glaeske: „Darunter leidet vor allem auch die Therapietreue.“

Besorgniserregend hoch stufen die Bremer Forscher die Verordnungszahlen von Antipsychotika für Kinder und Jugendliche ein. Von 2005 bis 2012 sind die Verschreibungen um 41 Prozent gestiegen. Verursacht werden die Zuwächse vor allem durch neuere Präparate (+ 129 Prozent), während die Verschreibungen älterer Medikamente leicht rückläufig sind. Ein differenziertes Bild zeigt der Blick auf einzelne Altersgruppen. Bei Kleinkindern bis vier Jahren verschreiben Ärzte kaum noch Antipsychotika. Bei allen anderen steigen die Verordnungszahlen, am stärksten bei den 10- bis 14-Jährigen. „Eine medizinische Erklärung dafür lässt sich nicht direkt herleiten“, betont Glaeske. Weder zeigten Studien einen Anstieg psychiatrischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, noch hätten sich die relevanten Therapieempfehlungen geändert. Zudem dürfe man nicht ausblenden, dass Antipsychotika zum Teil gravierende unerwünschte Wirkungen haben.

Kritisch bewertet das Autorenteam vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen den Einsatz von so genannten Benzodiazepinen bei Menschen mit einer Demenzerkrankung. Diese Schlaf- und Beruhigungsmittel wurden 2010 rund 23.500 Versicherten der BARMER GEK verschrieben, zu 70 Prozent an Frauen. „Das Risiko, Benzodiazepine verordnet zu bekommen, ist bei Menschen mit Demenz um das 1,5-fache erhöht“, so Glaeske. Mit dem Wirkstoff verbunden sei ein Verlust kognitiver Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Erinnerung oder Lernen. Glaeske: „Ohne Zweifel sind viele ältere Menschen von Benzodiazepin-haltigen Arzneimitteln abhängig. Sie bekommen sie vermutlich oft nur, um quälende Entzugssymptome zu vermeiden.“ Denkbar sei jedoch, dass sich nach langen Jahren der Abhängigkeit eher eine Demenz entwickle als bei Menschen, die deutlich seltener solche Mittel eingenommen haben.

BARMER GEK Vize Schlenker forderte die Bundesregierung auf, die Ende 2013 auslaufenden Kostenbremsen um fünf Jahre zu verlängern. „Noch müssen wir auf die Einspareffekte durch das Arzneimittelmarkt-NeuordnungsgesetzAMNOG von rund zwei Milliarden Euro warten. Bis das Gesetz richtig wirkt, brauchen wir flankierende Maßnahmen, nämlich eine Verlängerung des erhöhten Herstellerrabatts und des Preismoratoriums“, so Schlenker. Ein solcher Schritt sei umso dringlicher, als die Bundesregierung überraschend beschlossen habe, die Kriterien für die Nutzenbewertung neuer Arzneimittel wieder aufzuweichen. Damit würden sich auch die Preise für neue Arzneimittel erhöhen.

Ergebnisse aus dem BARMER GEK Arzneimittelreport 2013

Ausgabenentwicklung: Der Report weist gegenüber dem Vorjahr leicht sinkende Ausgaben bei der BARMER GEK aus, von 3,934 Milliarden Euro 2011 auf 3,892 Milliarden Euro 2012 (- 1,07 Prozent). Allerdings differiert die Datengrundlage des Reports gegenüber dem endgültigen Jahresabschluss 2012, der geringfügig höhere Ausgaben von 4,003 Milliarden Euro ausweist und damit einen Zuwachs von 0,7 Prozent. (Report S. 28/29, Infografik 1)

Mengenentwicklung: Gesunken ist die Zahl der verordneten Packungen: 76,7 Millionen Packungen 2012 entsprechen einem Rückgang um 2,16 Prozent zu 2011, als 78,4 Millionen Packungen verordnet worden waren. Reduziert haben sich auch die verordneten Tagesdosierungen je 100 Versicherte. Sie sanken um 0,47 Prozent. (Report S. 28/29)

Regionale Unterschiede: Die Ausgaben je 100 Versicherte differieren regional deutlich. Betragen sie im Bundesschnitt 42.750 Euro, so liegen sie bei einer alters- und geschlechtsstandardisierten Analyse je nach Region zwischen 31.900 und 47.500 Euro – ein Unterschied von 49 Prozent. Glaeske: „Am meisten wird für Arzneimittel in den neuen Bundesländern ausgegeben, vergleichsweise wenig in Bayern und Baden-Württemberg.“ (Report S. 30,Infografik 2)

Marktsegmente: Unbestritten dominieren Generika in Hinblick auf die Verordnungsmenge, sie machen inzwischen 75,2 Prozent aller verordneten Tagesdosierungen aus (2011: 72,1 Prozent). Der Anteil nicht generikafähiger Präparate liegt lediglich bei 15,4 Prozent. Der Rest von 9,5 Prozent entfällt auf patentfreie Originalpräparate. Schlenker: „Wir werden weiter darauf hinwirken, dass die Rabattquote steigt. Ohne Einschränkungen der Therapiequalität sind hier noch gut 150 Millionen Euro Einsparungen möglich.“ (Report S. 40 ff)

Rheumatoide Arthritis (RA): Diese häufigste Form chronisch entzündlicher Gelenkerkrankungen traf 2011 rund 110.000 Versicherte der BARMER GEK, Frauen deutlich häufiger. Besonders in den neuen Bundesländern werden mehr so genannte Biologika verordnet. Sind es im Durchschnitt 6 Prozent der Patienten, steigen die Werte im Osten der Republik auf bis zu 10,7 Prozent. Glaeske: „Gerade bei älteren Patienten ist Vorsicht geboten, denn es gibt Hinweise auf häufigere Infektionen bei einer Biologikatherapie.“ Biologika sind etwa 40-mal teurer als das Basistherapeutikum Methotrexat. (Report S. 142 ff,Infografik 9)

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