Kiel Trotz der anhaltenden öffentlichen Diskussion über die zweifelhafte Zuweisung von Spenderorganen in einzelnen Kliniken ist eine Mehrheit (54,8 Prozent) der Schleswig-Holsteiner bereit, Organe zu spenden. Das ergibt eine aktuelle Umfrage, die die AOK NordWest heute in Kiel veröffentlicht hat. Allerdings haben bisher nur 26,2 Prozent ihren Willen in einem Organspendeausweis dokumentiert. Um die Bevölkerung über das Thema Organspende umfassend zu informieren, starten die AOK NordWest und der Bundesverband der Organtransplantierten e. V. (BDO) mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) die landesweite Informationskampagne ‚Organspende: Jetzt Klarheit schaffen’.

„Mit unserem umfassenden Informationsangebot möchten wir den Menschen in Schleswig-Holstein helfen, eine souveräne Entscheidung zum Thema Organspende zu treffen. Ziel ist es, die Hürde zwischen der grundsätzlichen Bereitschaft zur Organspende und der Dokumentation im Organspendeausweis zu überwinden“, sagt Dr. Dieter Paffrath, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest.

Etwa 12.000 Menschen in Deutschland warten dringend auf ein Spenderorgan, allein in Schleswig-Holstein sind es fast 400. Benötigt werden Nieren, Lebern, Herzen, Lungen, Bauspeicheldrüsen, Dünndarm und verschiedene Gewebe. Die Wartezeit beträgt durchschnittlich etwa vier Jahre. „Während dieser Wartezeit sterben jährlich rund 1.000 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig das lebensrettende Organ erhalten“, erklärte Dr. Thorsten Doede, kommissarischer Leiter der DSO-Region Nord.

Die Anzahl der Organspenden in der Bevölkerung ist bundesweit auf einen neuen Tiefstand gefallen: Im vergangenen Jahr zählte die DSO nur noch 1.046 Organspenden; das entspricht einem Rückgang gegenüber 2011 von 12,8 Prozent. In Schleswig-Holstein waren es nur noch 31 Organspenden (Vorjahr 37). Und auch in den ersten drei Monaten 2013 setzt sich dieser Abwärtstrend fort: Nur noch 230 Organspenden waren bundesweit zu verzeichnen, 18 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Dr. Doede führt den Rückgang der Organspenden auch auf die zweifelhafte Zuweisung bei der Organvergabe in einzelnen Kliniken zurück. „Es muss uns gelingen, Manipulationen bei der Organvergabe künftig komplett zu verhindern und Vertrauen in das System der Organspende wiederherzustellen.“ Dazu fordert die DSO zum Beispiel ein bundesweites Register aller Transplantationen, um die Transparenz zu erhöhen. „Um die große Verunsicherung in der Bevölkerung abzubauen, sind jetzt mehr denn je Informationen zum Thema Organspende erforderlich“, so Dr. Doede. Deshalb unterstützt die DSO das Engagement der AOK NordWest zur Aufklärung der Bevölkerung in Schleswig-Holstein in den nächsten Monaten.

Start der Informationskampagne mit dem Tag der Organspende am 1. Juni
Anlässlich des Tages der Organspende am 1. Juni startet die AOK Nordwest offiziell ihre landesweite Aufklärungskampagne ‚Organspende: Jetzt Klarheit schaffen!’. In den darauf folgenden Tagen versendet die AOK in Schleswig-Holstein mehr als 600.000 umfassende Versicherteninformationen zum Thema Organspende per Kundenzeitschrift oder Brief. In über 50 AOK-Kundencentern im Land werden zudem zahlreiche Informationen mit den wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Organspende für die Öffentlichkeit vorgehalten, die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Uni Hamburg erarbeitet wurden.

Eine gemeinsame Hotline mit Experten von DSO und BDO beantworten die Fragen der Anrufer. Für AOK-Versicherte wird zudem das kostenfreie medizinische Informationstelefon Clarimedis unter Telefon 0800 1 265 265 eingerichtet, bei dem Ärzte und medizinisches Fachpersonal die Fragen der Anrufer rund um die Uhr beantworten. Außerdem bietet die AOK der Bevölkerung eine Entscheidungshilfe zur Organspende unter www.aok.de/organspende im Internet. „Wir haben uns schon immer für das Thema Organspende eingesetzt und wollen mit unserer aktuellen Kampagne die Fragen der Bevölkerung auf unterschiedliche Weise beantworten und damit für Transparenz sorgen. Denn die Entscheidung, Organe zu spenden, muss jeder für sich selbst treffen. Wir helfen dabei mit umfangreichen Informationen. Deshalb sollte jeder Klarheit für sich und seine Angehörigen schaffen und seine Entscheidung auf dem Organspendeausweis dokumentieren“, so Dr. Paffrath.

Persönliche Beratung vor Ort durch Betroffene
Ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt der AOK-Kampagne ist das persönliche Beratungsangebot durch den Bund der Organtransplantierten in acht AOK-Kundencentern (jeweils von 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr) in Neumünster (12. Juni), Ahrensburg (3. Juli), Pinneberg (5. August), Rendsburg (8. August), Lübeck (19. August), Itzehoe (21. August), Flensburg (26. August) und Kiel (27. August). Hier beantwortet BDO-Regionalgruppenleiter Wolfgang Veit alle wichtigen Fragen rund um das Thema Organspende wie: „Was bedeutet Hirntod?“, „Nach welchen Kriterien erfolgt die Vergabe gespendeter Organe?“, „Welche Organe kann man spenden?“, „Wer entscheidet über eine Organspende, wenn ich zu Lebzeiten keinen Organspendeausweis ausgefüllt habe?“.

Wolfgang Veit weiß genau, wovon er spricht. Denn der BDO-Regionalgruppenleiter aus Marne hat selbst ein Spenderorgan erhalten. „Organspende war für mich nie ein Thema. Das hat sich aber schlagartig geändert, als ich schwer erkrankt bin, unter starker Atemnot litt und mir die Ärzte letztlich mitgeteilt hatten, dass mir nur noch eine Lungentransplantation mein Leben retten würde“, so Veit. Seit seiner erfolgreichen Transplantation sind inzwischen sieben Jahre vergangen. „Meine Familie und ich sind meinem Spender unendlich dankbar“, so Veit.