Hamburg(ms) In Deutschland leben 1,2 Millionen Menschen mit einer Demenz, 70% von ihnen werden zu Hause versorgt. Ihre Angehörige erleben in einem quälenden Prozess, wie ihnen ihr geliebtes Familienmitglied entgleitet und „den Verstand verliert“.

Dazu sagt Sophie Rosentreter: „Wir können diese Krankheit nicht heilen, sondern nur annehmen und noch vorhandene Fähigkeiten und Fertigkeiten des Betroffenen so lange wie möglich erhalten. Alle, die mit einem demenzkranken Menschen umgehen, sollten sich von jeglicher Erwartungshaltung befreien und sich vielmehr vollkommen an seiner Sicht- und Erlebensweise orientieren. Es gibt Wege und Möglichkeiten diese Menschen zu erreichen.“

Weil sie Inhalte mit fortschreitender Krankheit nicht mehr begreifen können, nehmen die Betroffenen nur noch Gefühle wahr – ihre eigenen und die der Menschen, die sie umgeben. Möchte man negativen Gefühlen oder Stimmungen eines demenzkranken Menschen entgegenwirken oder ihm in seiner Welt begegnen, ist dies nur noch durch bestimmte Techniken möglich, die auf die Eigenheiten der Krankheit eingehen. Heute konzipiert Sophie Rosentreter Filme für Menschen mit Demenz, dazu thematisch abgestimmtes Beschäftigungsmaterial und ergänzende Gegenstände zum Fühlen und Ertasten. Dabei bindet sie Erkenntnisse aus verschiedenen Therapie- und Beschäftigungsformen ein: „Wir nehmen mit unserem interaktiven Beschäftigungskonzept dem Thema Demenz die Schwere. Die Philosophie von Ilses weite Welt ist, schöne Stimmungen zu schaffen und eine fröhliche Unbeschwertheit zu verbreiten. In einer solchen Atmosphäre können alle entspannen – Pflegende ebenso wie Menschen mit Demenz. Auf dieser Basis gelingt es dann tatsächlich und nachweislich neue Wege in die Welt der Betroffenen zu finden und mit ihnen auf eine neue Art zu kommunizieren.“

Die Großmutter erkrankt an Demenz

Als Ilse Bischoff, die Großmutter von Sophie Rosentreter am 18. Juni 2009 stirbt, hat sie neun Jahre lang an der Krankheit Alzheimer gelitten. Sophie hat sie intensiv durch diese Zeit begleitet. Und erst als die Familie psychisch und physisch die intensive Betreuung nicht mehr leisten kann, lebt die Großmutter im Pflegeheim, in dem sie von ihrer Enkelin fast täglich besucht wird. Dort erlebt die junge Frau, wie Fernseher als „Babysitter“ eingesetzt werden und das tägliche Fernsehprogramm die demenzkranken Mitbewohner überfordert, wie sie unruhig werden und sich ihre Stimmung verschlechtert.

Sophie arbeitet zu dieser Zeit – nach einer Karriere als Model und Moderatorin – bereits hinter der Kamera und entwickelt als freischaffende Redakteurin Reportagen für Stern TV, Leute heute, Brisant und Explosiv. Sie kennt die Wirkung, die das Medium Film entfalten kann, und seine Mittel: Perspektivwahl und Bildausschnitt, Kamerafahrten, Schnittfolgen, Erzähltempo, akustische Untermalung.

Mit Filmen erreicht man Menschen mit Demenz

Set Tierpark

Schnell wird ihr damals klar, dass Filme dabei helfen können, Menschen mit Demenz zu unterhalten oder zu entspannen – wenn sie entsprechend konzipiert sind für die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen. Sie beginnt, Filmideen zu entwickeln, in der Hoffnung, ihrer Oma Ilse damit schöne Momente schenken zu können. Dafür aber reicht die Zeit am Ende nicht mehr. Am Grab ihrer Großmutter lernt sie den Gerontologen und Mitbegründer der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. Dr. Jens Bruder kennen. In ihm findet sie den richtigen Experten, der sie von nun an fachlich berät und unterstützt. Mitte 2009 entschließt sich die Enkelin von Ilse all ihre Zeit und ihr Geld fort an in die Entwicklung von Filmen für demenziell veränderte Menschen zu investieren.

Aus dem Filmprojekt wird ein Beschäftigungskonzept

Viele Monate verbringt sie nun in Pflegeheimen, Tagespflegeinrichtungen Betreuungsgruppen und zu Hause bei Familien mit demenzkranken Angehörigen, beschäftigt sich mit von Demenz betroffenen Menschen, spricht mit Pflegekräften, Angehörigen und ehrenamtlichen Betreuern und Helfern, gewinnt ihr Vertrauen und wird bald ernst genommen mit ihrem Anliegen. Aufbauend auf ihrer persönlichen Erfahrung mit ihrer Großmutter, lernt sie immer mehr über den Umgang mit demenzkranken Menschen, absolviert Kurse in integrativer Validation, Ergotherapie und knüpft Kontakte zu weiteren Experten.

Set Musik

Sie schafft allmählich ein Netzwerk aus Ergotherapeuten, Musiktherapeuten, Altenpfleger/innen und Angehörigen und produziert einen ersten Film, den sie in verschiedenen Einrichtungen testen kann. Alle sind von der Wirkung verblüfft. Es gelingt durch das Zusammenspiel des Films mit den interaktiven Elementen, Wege in die Welt der Demenzkranken zu finden. Plötzlich fangen „Schweiger“ an zu erzählen, halten die „unsteten Wanderer“ inne und „die Aufgeregten“ beruhigen und entspannen sich.

Mit der Unterstützung aus dem Netzwerk entwickelt sie in den folgenden Monaten ausgehend von den einzelnen Filmen, ein ganzheitlich wirkendes, interaktives Beschäftigungskonzept, bestehend aus Film, Beschäftigungsmaterial, Anleitung und Gegenständen zum Fühlen und Tasten. Sie macht die Erfahrung, dass dieses Baukasten-System für Sinnesaktivierungen eine Tür aufstoßen kann in die Welt derjenigen, die sich Schritt für Schritt aus unserer Welt verabschieden.

Angehörige, Pflegekräfte und ehrenamtliche Helfer, die mit dem Material arbeiten, freuen sich über die neuen Möglichkeiten, die leeren Momente der demenzkranken Menschen mit Schönem füllen zu können. Sie bestärken Sophie Rosentreter darin, ihren Weg weiter zu gehen. Ihre Ersparnisse aber sind aufgebraucht, Sponsorengelder allein könnten die Herstellung der bislang entwickelten Filme und Produkt-Prototypen niemals tragen. Mit der Gründung einer Firma – Ilses weite Welt – schafft sie die Grundlagen für eine gesicherte Produktion. Unterstützt wird sie bei der Suche nach Investoren vom Verleger Florian Langenscheidt.

Sophie Rosentreter wird zur Stimme für die Pflegenden

Als sie im November 2010 mit dem Auftritt bei der NDR-Talkshow erstmals mit Ihrer Idee die öffentliche Bühne betritt, gelingt es ihr, die Krankheit Demenz in einem neuen Licht erscheinen zu lassen und den Menschen zu zeigen, dass unsere Gesellschaft einen neuen Umgang mit den betroffenen Menschen lernen muss, angesichts der Tatsache, dass in den kommenden Jahren immer mehr Menschen davon betroffen sein werden. Und sie bricht eine Lanze für die Menschen, die sich liebevoll und aufopfernd um Demenzkranke kümmern: Angehörige, Pflegekräfte, ehrenamtlich Engagierte.

Immer wieder wird sie seitdem zu Talkshows, Informationssendungen auf Messen und zu Tagungen eingeladen und nutzt jede Gelegenheit, um für eine Akzeptanz der von Demenz betroffenen Menschen in unserer Gesellschaft zu werben und mehr Unterstützung der Pflegenden zu fordern. Sie gibt Impulse, knüpft Kontakte und entwickelt Kooperationen zwischen den verschiedenen Akteuren der Altenpflege, die es ermöglichen, dass sich die Bedingungen für die Pflegenden und die Betroffenen ändern, dass sich die Altenpflege öffnet und die Menschen Demenz als selbstverständliche Erscheinung einer alternden Gesellschaft begreifen und akzeptieren lernen.

Unterstützung für Betreuungsgruppen gesucht

Täglich erreichen Sophie Rosentreter E-Mails und Anrufe von Angehörigen, aber auch von professionell Pflegenden, von Aus- und Fortbildungseinrichtungen, die sie in ihren Bemühungen bestätigen. Deshalb hat sie noch viel vor: Sie möchte so schnell wie möglich so viele ihrer Filmideen wie möglich umsetzen, um in Menschen mit Demenz liebgewordene Erinnerungen wachzurufen und ein Lächeln in ihre Gesichter zu zaubern.

Sophie Rosentreter möchte künftig ehrenamtliche Betreuungsgruppen mit interaktiven Beschäftigungs-Sets ausrüsten, Informationsveranstaltungen für Angehörige und ehrenamtliche Mitarbeiter organisieren, Ausflüge für Menschen mit Demenz in Wildparks realisieren, einen Demenz-Stammtisch für Experten ins Leben rufen und unzählige andere Ideen umsetzen.

Ilses weite Welt hat den KarmaKonsum Award 2011 für soziale Innovationen erhalten und ist nominiert für den Deutschen Engagementpreis 2011

 

 

 

Quelle: Pressestelle Ilses weite Welt

 

 

Mit freundlicher Genehmigung von www.dewia.de