Hamburg Wie die „Welt am Sonntag“ berichtete, steigt auch in Hamburg das Bedürfnis älterer Menschen nach mehr Individualität in der Gemeinschaft. Eine Alternative zum Angebot der Pflegeeinrichtungen und Altenheimen, sind betreute Wohngemeinschaften.

Originaltext welt.de : „Die Wohnung aufgeben, sich von vielen Dingen verabschieden, in kleineren Räumen leben, Tür an Tür mit Fremden, in einer Art von Hotelbetrieb, mit vorgegebenem Tagesablauf, ständig wechselnden Ansprechpartnern und Betreuern – ein solches Leben ist für viele ältere Menschen eine Horrorvorstellung. Selbst wenn es inzwischen auch für Senioren mit geringerem Einkommen Pflegeeinrichtungen mit ansprechendem Ambiente und schönen Räumen gibt – der Begriff Heim schreckt viele ab.

Mehr zurechtkommt, wenn nahe Angehörige hilflos sind, wenn auch der ambulante Pflegedienst nicht ausreicht, um den Alltag ausreichend zu organisieren? Wohn- und Pflegegemeinschaften sind eine akzeptable Alternative.

Natürlich, wer vorausschaut, hat vorgesorgt. So wie der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Der suchte sich mit einer patenten Freundesgruppe beizeiten eine gemeinsame Adresse und verwirklichte als einer der Ersten seinen Traum vom kommunikativen Miteinander im Alter. Was aber macht die Durchschnittsfamilie, die für ihre älter werdenden Angehörigen einen angemessenen Wohnplatz sucht? Mehr noch: Was ist zu tun bei der Volkskrankheit Demenz?

„Wohn-Pflegegemeinschaften bieten älteren Menschen eine Perspektive, wenn es zu Hause nicht mehr geht“, sagt Ulrike Petersen vom Team der „Hamburger Koordinationsstelle für Wohn-Pflege-Gemeinschaften“. Die staatlich unterstützte Einrichtung gehört zur Stattbau Hamburg Stadtentwicklungsgesellschaft mbH und agiert seit genau fünf Jahren für innovative Wohn-Pflege-Konzepte – als Dienstleister in Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft, im Kontakt mit Behörden und Ämtern, mit Projektentwicklern und als Anwalt der potenziellen Bewohner und ihrer Angehörigen. „Vor fünf Jahren“, sagt Kollegin Mascha Stubenvoll, „gab es in Hamburg lediglich drei Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz“. Die ersten waren bereits 2003 eingerichtet worden, heute sind daraus mindestens 34 geworden.

Beispiele sind eine Wohngemeinschaft für acht Menschen mit Demenz in der Altonaer Goethestraße, sieben Demente leben betreut in der Brennerstraße in St. Georg, drei WGs für je acht Menschen mit psychischen Erkrankungen und Pflegebedarf gibt es am Fuhlsbütteler Damm, zwei für je zehn Menschen mit Demenz im Rahmen der Albertinen-Gruppe im Max-Herz-Haus im Bezirk Eimsbüttel. Weitere Projekte sind in Vorbereitung. „Es ist schwierig, geeigneten Wohnraum zu bekommen“, klagt Stubenvoll.

Wohnungsangebot belastet vor allem auch die Projekte, die auf günstige finanzielle Bedingungen angewiesen sind. Pro Gruppe benötigen die WGs zwischen 250 und 300 Quadratmetern Wohnfläche, barrierefrei und mit der Möglichkeit, für jeden Bewohner eine Privatsphäre zu schaffen. Im Regelfall sind es acht bis zehn Menschen, die unter einem Dach zusammenleben. Die Betreuung übernehmen ambulante Pflegedienste. Sie stellen Teams zusammen – eine Herausforderung auch für die Pflegekräfte, die sich nun, anstatt von Haus zu Haus zu eilen, über Stunden mit den Bewohnern befassen und deren Alltag organisieren müssen.

Alltag, das sei der Charme der Wohngemeinschaften, sagt Petersen: Einkaufen, Essen machen, sich beschäftigen, organisieren, ein geregelter Ablauf. Daran sind die Bewohner, so weit es eben geht, beteiligt. Das muss im Vorfeld sorgsam vorbereitet werden. Die Fördermöglichkeiten seien in Hamburg gut, berichten die Beraterinnen der Koordinationsstelle. Darüber hinaus sei vor einem Jahr das betagte Heimgesetz durch ein neues Ordnungsrecht ersetzt worden, das alternative Wohnformen im Hinblick auf die Bürokratie erleichtert. Für den Bau und Umbau gibt es auch über die Wohnungsbaukreditanstalt öffentliche Fördermittel.

Außerdem schließen die Berater mit den Bewohnern beziehungsweise deren Angehörigen Vereinbarungen über die Spielregeln im Alltag. Dazu findet in den ersten drei Monaten ein reger Erfahrungsaustausch statt, auch um Konflikte im Keim zu ersticken. Das Bestehen der ältesten Wohngemeinschaften seit rund acht Jahren belegt, dass es funktionieren kann. Auch mit schwierigen Bewohnern. „Es ist eine Erfolgsstory“, sagt Petersen.

Unterdessen berichtet Stubenvoll, dass die Nachfrage nach Wohngemeinschaften für Menschen wächst, die nicht dement, nicht psychisch krank oder beatmungsbedürftig sind oder unter Multipler Sklerose leiden, wie das bei den meisten WGs bislang der Fall ist, sondern die einfach nur alt sind und Pflege brauchen. Dabei wachse auch die Nachfrage nach WGs für Menschen mit Migrationshintergrund.

Und die demografische Entwicklung wird die allgemeine Nachfrage verstärken. Waren 2006 rund 20 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt, so werden es 2030 rund 37 Prozent sein. Von den über 65-Jährigen werden aktuell etwa drei bis vier Prozent in Pflegeheimen versorgt. Nach einer Untersuchung des Hamburger Instituts für immobilienwirtschaftliche und urbane Beratung wird der Pflegeheimmarkt stark wachsen. Bis 2025 gebe es in Deutschland einen Zusatzbedarf von 330 000 bis 413 000 stationären Plätzen. Ursache für den wachsenden Bedarf sei vor allem die wachsende Zahl an hochbetagten Menschen über 80.

Den Charme der Wohngemeinschaften und die wachsende Nachfrage haben unterdessen auch die Heimbetreiber erkannt, die zum Teil über Leerstände in ihren Anlagen klagen. Beispiel Johannes F. Kamm, der seit 2009 Geschäftsführer des privatisierten Heimbetreibers Pflegen und Wohnen Betriebs GmbH ist. Das Unternehmen bietet gegenwärtig 2850 Plätze in derzeit zwölf Pflegeeinrichtungen. Aber Kamm kann sich vorstellen, in der Nachbarschaft der Heime Häuser zu erwerben, die für Wohngemeinschaften hergerichtet werden sollen.

Und wie sieht es mit den Kosten aus? „Billiger ist die WG-Lösung nicht“, sagt Petersen. Die Kosten für die Bewohner setzen sich aus der Miete und dem individuell unterschiedlichen Lebensunterhalt und der Betreuung zusammen, die durch die Pflegekassen unterstützt wird. Diese Pflege kann je nach Pflegestufe einen Eigenanteil zwischen gut 1500 und 2600 Euro bedeuten. Über die mögliche Beteiligung des Sozialhilfeträgers über Sozialhilfe oder Wohngeld kann die Koordinierungsstelle informieren. Die Mieten können zwischen 5,50 und 11 Euro pro Quadratmeter und Monat, gesamt zwischen etwa 330 und 590 Euro pro Monat liegen.

Infos: 43 29 42 23

 

Quelle: Welt.de / dewia.de